Wann genau sind denn bitte Pflichtbewusstsein und Arbeitsmoral verloren gegangen? Was ist los mit der Jugend von heute – mit der Generation Y  (geboren ab ca. 1985)? Anspruchsdenken und Work-Life-Balance – wo ist die gute alte Arbeit hin? Oder ist das genau das Umdenken, das unsere Zeit dringend braucht?

Da sitze ich am Wochenende bei strahlendem Sonnenschein im Büro und arbeite an diesem einen Projekt und denke mir: Würde das einer der Generation Y machen? Oder kurz vor Feierabend diese eine Stunde mehr arbeiten, um die angefangene Arbeit fertig zu machen? Viele Studien zeigen: der Großteil wohl eher nicht. Die sitzen im Freibad mit Freunden oder Familie. Und wer von uns beiden macht das Richtige?

Die nachkommende Generation war schon immer faul

Die Kritik an der Jugend geht über 5000 Jahre zurück.

  • Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte. (Tontafel der Sumerer ca. 3000 v. Chr.).
  • Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, 470-399 v.Chr.)
  • Auszubildende – faul, ohne Disziplin, kein Interesse. Jedes zweite Unternehmen klagt über mangelnde Disziplin und Belastbarkeit sowie fehlende Leistungsbereitschaft und Motivation. Jedes dritte bemängelt die Umgangsformen der Bewerber. (Die Welt, 21.8.2014 Zitat zur neuen DIHK Umfrage „Ausbildungsfähigkeit“)

Um nur ein paar zu nennen. Alle Nachkommen waren schlechter als die Generation davor – ist ja klar. Ich sehe und bewerte doch die nächsten Generationen auch nur durch meine Brille. Mit welchen Werte und Überzeugungen bin ich aufgewachsen und werden die denen gerecht?

Was stört uns an der Jugend?

Im Prinzip könnte man die Generation Y als Pippi Langstrumpf Generation bezeichnen. Denn sie macht sich die Welt, widdewidde wie sie ihr gefällt. Eine autonome Göre, die Obrigkeiten und Autoritäten nicht respektiert und einfach nur Spass haben will. Und im deutschen Arbeitsmarkt fühlt sich das dann so an, als wäre Pippi tausendfach im Berufsleben angekommen.

Spass haben, schnell voran kommen – mit wenig Zeiteinsatz im Job – und gleichzeitig die Welt retten.

Der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann bezeichnet diese dritte Generation nach 1945, die Generation Y, als die heimlichen Revolutionäre. Denn eines ist diese Generation gar nicht: militant oder laut. Die Veränderungen passieren im Stillen, als wären sie selbstverständlich.

Sind wir bereit für eine Revolution?

Wir haben gar keine andere Wahl. Die Generation Y ist unsere Zukunft, ob wir wollen oder nicht. Also statt sich dagegen zu stellen und zu lamentieren, sollten wir uns offen zeigen und zuhören. Was genau wollen die denn? Wie genau stellen die sich ihr Leben denn vor?

Alles ist möglich – nichts bleibt

So ist die Welt heute. Wir fangen nicht mit 16 eine Ausbildung an und gehen in der gleichen Firma gefeiert in den Ruhestand. Und den Job, den wir heute machen, gibt es 10-15 Jahren vielleicht gar nicht mehr. Nichts bleibt, wie es ist. Alles verändert sich.

Ist es da so verwerflich, die wertvollen Konstanten kompromisslos zu verfolgen und ein ausgeglichenes Leben anzustreben? Familie plus Feierabend. Beruf mit Freude und Sinn. Kollegialität statt Autorität. Und laut einer Studie des Berliner Instituts trendence ranchieren bei der Generation Y „Status & Prestige“ ganz unten. Auf den Punkt gebracht verfolgt die Generation die selbstlosen Glückshormone entgegen dem aktuellen Trend der Wirtschaft mit Fokus auf die egoistischen Glückshormone und den schnellen Erfolg.

 

Was die Generation Y motiviert

Ja, was wollen die überhaupt, was motiviert die? Es ist ja nicht so, dass sie keine Leistung bringen. Im Gegenteil: keine Generation davor war so gut ausgebildet. Das liegt mit daran, dass das digitale Zeitalter sie schon früh an das biografische Selbstmanagement gewöhnt hat. Und wer im Kindesalter schon miteintscheiden darf, wohin es im Urlaub geht oder welches Familienauto angeschafft wird, weiss: Ich habe die Wahl.

Elterliche Aufmerksamkeit

Mit der Generation Y wurde erstmals das Wort „Helikoptereltern“ eingeführt. Von Geburt an wurden sie von der Elterngeneration X (geboren ab ca. 1970) gefördert und gefeiert. Und all das, was sie von Kindheit an erfahren haben, erwarten sie natürlich auch von Ihrem Arbeitgeber:

  • Aufmerksamkeit
  • Fürsorge
  • Mitsprache
  • Ständiges Feedback

Sie wollen Vorgesetzte, die wie Eltern auf Ihre Bedürfnisse eingehen. Denkst du gerade „Was glauben die überhaupt, wer die sind“? Mir geht es auch so. Aber eines ist klar: sehr wahrscheinlich wird die Generation Y ihre Erwartungen durchsetzen. Warum? Sie haben die Macht der Demografie auf ihrer Seite – die Macht der Knappheit. In einem wirtschaftlich florierenden Land mit Fachkräftemangel bestimmt Angebot und Nachfrage.

Und nicht nur das. Wenn die starken Geburtsjahrgänge in Rente kommen, reisst das nicht nur ein Loch in die Arbeitswelt sondern wird auch die Pflegefälle in Deutschland geschätzt verdoppeln. Das alles muss die Generation Y stemmen. Und es sind wenige.

Menschlichkeit und faire Behandlung

Gefällt es dir in einer Firma, die viele Hierarchien hat und wenig Freiräume? Anweisungen statt Erklärungen. Im Prinzip geht es um die Erwartungshaltung, maximale Leistung zu bringen und bitteschön nicht zuviel mitzudenken. Den Spruch „Gehalt ist Schmerzensgeld“ kennst du vielleicht auch. Die Kultur von Befehl und Gehorsam hat in Deutschland sehr lange und sehr gut funktioniert. Und viele machen das heute noch so. Genau diese Unternehmen werden keine Zukunft haben, denn die Masse ab der Generation Y macht das nicht mehr mit. Wenn Menschlichkeit, Fairness und der Spass an der Arbeit fehlt, gehen sie und das ohne Schmerz. Passt das Umfeld andererseits, sind sie wesentlich loyaler als alle Generationen davor, die für einen dickeren Gehaltsscheck wechseln würden.

Arbeiten und Leben

Während die Presse die Generation als Weicheier beschimpft, halten Personalverantwortliche diese Generation für Luxusgeschöpfe, die nur aufs Erbe warten. Selbst anpacken: Fehlanzeige. Klar, wenn im Bewerbungsgespräch schon Themen wie Eltern- oder Teilzeit fallen und sich schon nach Sabbaticals oder Auszeiten erkundigt wird.

Was ist so falsch daran, das Leben ausgewogen zu gestalten?

Keiner von uns wird auf dem Sterbebett sagen: „Ich hätte mehr Zeit im Büro verbringen sollen!“. Und trotzdem leben wir nicht danach. An einem ganz normalen Tag, wollen wir andere zufriedenstellen, nichts verpassen und 2,5 kg abnehmen. Wer macht es denn hier richtig?

 

Generation Y als Vorbild für die Zukunft

Was der Generation Y an Faulheit vorgeworfen wird, ist nicht belegbar. Uni-Gammler sind wie ausgestorben und „Null Bock“ ist ein Fremdwort. Die Lebensläufe der Generation Y sind proppevoll mit Praktika, Kursen, Auslandsaufenthalten und sozialen Engagements. Sie fordern von ihren Arbeitgeber einiges ab, wie auch von sich selbst.

Neue Werte und Erwartungen prägen auch die Vorstellung der Zusammenarbeit. Nicht mehr „jeder für sich“ und „der Beste bekommt einen Preis“ sondern Arbeiten im Team und die Welt verändern. Sobald wir „Alten“ das verstehen und unsere Art der Führung verändern, brechen Leistungsdämme los, die wir noch gar nicht einschätzen können.

Quellen der Kreativität

Wir werden überrollt von Ländern wie China, die im Vergleich billigst produzieren können. Aber das ist doch auch nicht die Stärke Deutschlands. Im Gegenteil: Wir sind ein Land, das neue Ideen und Kreativität braucht. Und diese Generation Y bringt genau die richtigen Voraussetzungen mit.

Für die Generation Y ist Gleichberechtigung selbstverständlich. Stell dir vor, nur die besten Frauen und Männer kämen nach oben. Auch wenn sie augenscheinlich noch die Pippi-Gören sind, die nicht erwachsen werden wollen, sie sind weltoffen, engagiert ohne Ende und besitzen eine natürliche Kreativität. Denn deren Quelle ist nicht Zwang oder Befehl. Wenn der Job Spass macht, entsteht genau diese spielerische Kreativität, die es braucht.

Protestfrei mit maximaler Leistung

Laut Soziologe Hurrelmann ist der Generation Y Protest völlig fremd. „Rumfaulen“ ist ebenso unvorstellbar. Sie wollen, dass es vorangeht, Aufgaben erledigen, Leistung bringen. Was diese Generation bereits in ihrer Jugend unter einen Hut bringt mit guten Schulnoten, Leichtathletik in der Liga, Klavier und noch eine Fremdsprache einfach so, kenne ich so nicht. Meine Freizeitagenda war damals wesentlich „fauler“.

Und jetzt frage ich mich: Sind wir Ü40er nur unglaublich beschäftigt aber weniger effektiv? Brauche ich die Überstunden, um das hinzubekommen, was die Generation Y schon um 15 Uhr fertig hatte? Und ist grenzenloses Wachstum mit stumpfem arbeiten, arbeiten, arbeiten wie ein Roboter überhaupt möglich? Ich denke, bald nicht mehr.

 

Zusammenfassung

Ich freue mich auf die Revolution der Generation Y. Denn mit Ihnen beginnt eine Revolution in der Arbeitswelt, die nach dem WARUM (Englisch „why“ = y) fragt. Wo Studenten sich trauen die Nachhaltigkeit der Unternehmensstrategie von BASF direkt gegenüber dem Vorstand hinterfragen. WARUM DENN NICHT?! Vorbei sind die Zeiten der unterwürfigen und duckmäuserischen Dankbarkeit bei einem so tollen Arbeitgeber angekommen zu sein. Für was auch? Einen sicheren Arbeitsplatz? Menschliche Umgangsformen?

Die Generation Y ist nicht mehr von Angst vor der Zukunft geprägt. Zu viele Stellen und zu wenig Fachkräfte. Sie können es sich aussuchen, wo sie arbeiten und haben klare Vorstellungen. Sinnstiftung ist die neue Währung, in der sie bezahlt werden möchten. Materialistische Anreize wie Geld und Status zählen weniger als Auszeiten, Work-Life-Attraktionen und Selbstbestimmtheit.

Die Generation Y fordert den Unternehmen die eigene Lebensqualität ab: „Ich achte darauf, das zu bekommen, was mir guttut.“

Ein gewaltiger Wandel für die Deutsche Wirtschaft und ihre Unternehmen. Flexible Organisationen, die der Balance von Arbeit und Freizeit gerecht wird, gleichzeitig die Entfaltung des Egos berücksichtigt und dann noch das mit dem hohen Anspruch an Moralität: Die Generation Y stellt sich ein Arbeitsumfeld vor, in dem mit Vertrauen und Teamarbeit ohne Druck geführt wird – mit Kollegialität und Fairness. Führungskräfte, die wie Eltern agieren.

Wenn wir Alten über unsere Schatten springen können und das Umfeld für die Generation Y schaffen, ist unser Wohlstand nicht gefährdet. Und all das mit einem menschlicheren Arbeitsumfeld und mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben.