Wie reagierst du, wenn dich jemand beleidigt? Gegenangriff oder Einlenken? Die gewaltfreie Kommunikation ist weder noch. Es ist die friedvolle Sprache, die Missverständnisse und Konflikte auflöst. Denn die Ursache für eine Auseinandersetzung ist oft das fehlende Verständnis für das Verhalten anderer.

Marshall B. Rosenberg entwickelte dieses Werkzeug, um besser, friedvoller und effektiver zu kommunizieren.

Beziehungen stärken

Jeder Mensch braucht gesunde soziale Beziehungen, um glücklich und ausgeglichen zu leben. Diese Beziehungen werden getragen durch Kommunikation: verbal und nonverbal.

Der Psychologoe O.J. Harvey von der Universität Colorado wies nach, dass es in Kulturen, die häufiger urteilende Worte (gut oder schlecht) benutzen, es mehr gewaltsame Zwischenfälle gibt. Die Frage ist nun, wie wir die verbale Kommunikation nutzen können, um unsere Beziehungen zu stärken anstatt zu schwächen.

Lebensentfremdende Kommunikation

Verurteilende Kommunikation führt zur Entfremdung und dazu, das wir das Mitgefühl für unsere Umgebung verlieren. Meist passiert dies unbewusst. Wir gehen automatisch davon auss, dass jemand, der sich in unseren Augen „nicht richtig“ verhält, das Falsche tut.

Wir analysieren und sortieren das Verhalten anderer in normal und unnormal. Dazu gehören Kritik, Vergleiche, Urteile und sogar Beleidigungen. Diese Art der Kommunikation führt in eine Sackgasse.

Wer als einziges Werkzeug einen Hammer bestitz, für den sieht jedes Problem aus, wie ein Nagel.

Abraham Maslov

Gewaltfreie Kommunikation ist einfühlsam

Wir sollten uns folglich nicht anmassen der moralische Kompass der Welt zu sein. Die richtige Grundeinstellung ist hier: ich bin OK, du bist OK. Jeder hat recht – aus seinem Blickwinkel und seiner Gefühlswelt heraus.

Und die gewaltfreie Kommunikation hilft dir dabei, mit Sprache zu verbinden anstatt zu trennen. Die Theorie der gewaltfreien Kommunikation geht auch davon aus, dass jeder Mensch gut ist. Frei von Manipulation, Angst, Schuld oder Gier.

Und doch gibt es Momente, in denen du dich eben so gar nicht gewaltfrei fühlst, wenn dich z.B. jemand angreift. Hierfür hat Marshall B. Rosenberg vier Schritte entwickelt, die dir helfen, zurück zur gewaltfreien Kommunikation zu finden.

Schritte der gewaltfreien Kommunikation

Vor allem in Situationen, in denen du am liebsten sofort zurück schiessen würdest, gilt es kurz innezuhalten und die vier Schritte zu durchlaufen.

Stell dir vor, dein Mann lässt immer wieder seine Schuhe im Gang stehen. Und ohne Nachzudenken schreist du ihn an mit den Worten „Du bist immer so schlampig, das nervt total!“. Gratulation: das ist der beste Start in einen ausgewachsenen Streit. Stattdessen nehmen wir dieses Beispiel und durchlaufen die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation und schauen uns am Ende an, wie das gewaltfrei klingen könnte.

1. Situation beobachten

Dieser erste Schritt ist vor allem zur Abkühlung gedacht. Betrachte ABSOLUT NEUTRAL die Fakten. Was siehst du? Was ist passiert? Vermische deine Beobachtungen auf keinen Fall mit deinen Gefühlen. Es geht einzig und alleine darum: was ist. Dabei ist es wichtig spezifisch zu sein und nicht zu verallgemeinern. Im ersten Satz der gewaltfreien Kommunikation gibt es keine Worte wie „immer“ oder „nie“. Denn beim Beobachten zählt nur der Moment.

Beobachten ohne zu urteilen ist die höchste Form der Intelligenzleistung.

Jiddu Krishnamurti, Indischer Philosoph

Kritik, Freude oder Enttäuschung kommen von ganz allein – ohne Anstrengung oder Gehirnleistung. Aber es lohnt sich, Beobachtung und Beurteilung zu trennen, denn dadurch können wir viele Missverständnisse vermeiden. Es ist doch so viel einfacher, das Schubladendenken zu pflegen. Was wir aber dadurch verlieren ist der Blick für andere Menschen und die konkrete Situation.

2. Deine Gefühle identifizieren

Jetzt darfst du dich ganz dir selbst widmen. Welche Gefühle löst das Verhalten oder die Situation bei dir aus? Bist du sauer, traurig, enttäuscht oder irritiert? Dann sag es. Das hört sich erstmal einfach an, ist aber für viele Menschen unglaublich schwer. Wer denkt denn im Alltag über seine Gefühle nach? Und diese dann noch öffentlich auszusprechen gilt sogar oft als unangebracht oder wird als Schwäche ausgelegt. Lös dich von diesen Vorurteilen und sag, was du fühlst.

Dieser Satz beginnt mit dem Wort „Ich“. Sowas wie „Keiner beachtet mich.“ ist zu ungenau und führt zu Missverständnissen. Klarer wäre: „Ich bat dich eben um einen Ratschlag und du hast mir nicht zugehört. Ich fühle mich verletzt und nicht geschätzt.“

Sei ganz spezifisch und so klar wie möglich. Keine vagen Aussagen wie „Ich bin irgendwie schlecht drauf.“. Nutze ganz präzise Adjektive für deinen Gemütszustand: niedergeschlagen, beschämt, stinksauer, verletzt, etc.

3. Der Bedürfnisse klar werden

Du kennst nun deine Gefühle und kannst diese sehr gut analysieren. Dann bist du bereit für den nächsten wichtigen Schritt: Übernimm die Verantwortung und bekenne dich zur deinen Bedürfnissen. Die Voraussetzung dafür ist, dass es in deinem Denken keinen Schuldigen mehr gibt.

Die Worte und Taten eines anderen können Auslöser für deine Gefühle sein – doch niemals die Ursache. Nicht das Gesagte bestimmt wie du dich fühlst, sondern deine Reaktion darauf. 

Diese Erkenntnis wirklich zu verinnerlichen ist für mich verdammt schwer. Vor allem mit Menschen, die zielsicher eine meiner Zündschnuren anfackeln. Andere Menschen auszunutzen oder zu übervorteilen ist die einer meiner größten Schlummer-Bomben. Wenn mir also jemand genau das als OK verkaufen will, braucht es unglaubliche Selbstbeherrschung, mich nicht in einer hitzigen Diskussion wiederzufinden. Und am Ende geht es doch nur noch ums Überzeugen und Rechthaben. Zielführender wäre, meine Gefühle und Bedürfnisse auszusprechen. Ein Umfeld, in dem Menschen vorsätzlich zum Vorteil anderer ausgenutzt werden, verletzt mich in meinen ethischen Grundfesten. Ich fühle mich wohl in einem Umfeld, das ein respektvolles Miteinander pflegt.

4. Formuliere deine Bitte

Jetzt erst kommt die andere Person ins Spiel. Das Ziel der gewaltfreien Kommunikation ist am Ende, dass mein Gegenüber mich versteht. Die ersten drei Schritte sind dazu da, um genau dieses Verständnis und auch Mitgefühl zu erzeugen. Bei der Formulierung der Bitte solltest du nun vor allem darauf achten, dass keine Missverständnisse entstehen.

Deutlich – verständlich – konkret

Formuliere deine Erwartungshaltung oder Aufforderung als Bitte an dein Gegenüber: deutlich, verständlich und konkret. Ganz konkret und klar formuliert, gibt es keine Mißverständnisse. Der andere sollte genau wissen, was er zu tun hat.

Du könntest zu deinem Partner vielleicht sagen: „Du verbringst viel zu viel Zeit im Büro!“ Abgesehen davon, dass dies keine Bitte (endet mit Fragezeichen) sondern ein Vorwurf (endet oft mit Ausrufezeichen) ist, kann der Inhalt zu einem totalen Missverständnis führen. Wunder dich nicht, wenn er in der nächsten Woche mit seinen Kumpels einen Stammtisch gründet. Ohne das Aussprechen deiner Bedürfnisse fehlt Klarheit, z.B. Ich wünsche mir 2 Abende pro Woche, die wir zusammen verbringen.

Positive Formulierung

Bei der Bitte ist die Wortwahl entscheidend. Denn solange du dich und deine Gefühle oder Erwartungen beschreibst, sind Kraftworte wichtig, richtig und wirkungsvoll. Das sind deine Gefühle und die dürfen sein, wie sie möchten. Beim letzten Schritt wendest du dich aber deinem Gegenüber zu. Jetzt geht es um neutral verpackte Watte: Angriff oder Vorwurf sind fehl am Platz.

Achte auf eine positive Formulierung, die genau sagt, was du möchtest.

Vermeide negative Formulierungen. Menschen verstehen Sätze mit Verneinungen nicht. Wie eben der hier. Liegt an den Verschaltungen in unserem Gehirn und wird im Deutschen verstärkt, weil oft erst am Ende des Satzes das „nicht“ kommt. Vermeide diese Verwirrung und bilde eine positiven Satz, der Deine Bitte beinhaltet.

Zusammenfassung

Kommen wir zurück zu den im Gang stehenden Schuhen deines Mannes. Was sagst du also, wenn „Du bist immer so schlampig, das nervt total!“ nicht gewaltfrei ist?

Neutrale Beobachtung:
Deine Schuhe stehen seit heute morgen hier im Gang.

Deine Gefühle:
Ich bin deswegen total genervt.

Deine Bedürfnisse:
Ich brauche eine ordentliche und aufgeräumte Wohnung, um mich wohl zu fühlen.

Die Bitte:
Könntest du bitte deine Schuhe ins Regal räumen?

Im Gegenatz zur schnellen Entladung deiner Gefühle kostet die gewaltfreie Kommunikation richtig Kraft. Sie verlangt von dir nicht nur ein hohes Maß an Selbstbeherrschung ab sondern auch Disziplin. Nur bei regelmäßiger Verwendung wird sie ein Teil von dir.

Die Übung ist es wert: Deine Beziehungen zu anderen Menschen werden sich verbessern und auch die Beziehung zu dir selbst. Denn wie oft verurteilen wir uns selbst für ein Mißgeschick? Und wie oft beschäftigen wir uns mit dem wahren Hintergrund für unser Verhalten?

Unüberlegte Worte brechen oft einen Streit vom Zaun. Die gewaltfreie Kommunikation hilft dir, Konflikte und Missverständnisse aufzulösen und Beziehungen (auch zu dir selbst) zu vertiefen. Die Basis ist, dass wir auf die Gefühle und Bedürfnisse eingehen anstatt zu verurteilen und gleich unseren Hammer auszupacken.