Wie wird man eigentlich Chef? Meine Erfahrung ist, dass der beste Mitarbeiter in der Gruppe oft befördert wird. Die Position der Führung als Belohnung für seine gute Arbeit. Und wenn ich mir das Ergebnis ansehe, stellt sich die Frage: Wer wird hier belohnt? Das Unternehmen? Der Mitarbeiter? Keiner? Alle?

Die Führung, die alles bestimmt

Nehmen wir die Konstruktion als Beispiel. Der beste und erfahrenste Konstrukteur wird belohnt und zum Abteilungsleiter befördert. Da er der beste Konstrukteur ist und die meiste Erfahrung hat, weiss er alles.

Ein Chef muss alles wissen und alles bestimmen, oder nicht?

Da ich nun als frisch gebackener Konstruktionsleiter alles weiss, bestimme ich auch alles. Ist doch klar: ein Chef muss alles bestimmen und alle Entscheidungen treffen – so die weit verbreitete Meinung. Diese Art der Führung bestimmt nicht nur wohin die Reise geht sondern auch mit welchem Fahrzeug, wie schnell wir fahren und welchen Gang wir zu welchem Zeitpunkt einlegen sollen.

Diese Führung kennen wir als Mikromanagment

Wenn sich deine Führungskraft übertrieben in die Details deiner Arbeit einmischt, wozu führt das? Du verlierst Lust und Motivation an deiner Arbeit, oder? Kritisch ist dieser Stil auch, weil er oft neue oder kreative Ideen unterbindet. Dann hören wir: „Das haben wir schon immer so gemacht“.

Dieser Stil ist für unsere schnelllebige Zeit wenig motivierend und kaum zukunftsfähig. Leistungsträger mit Potential, Ehrgeiz und Engagement werden diesen Bereich verlassen, um sich zu entfalten. Zurück bleiben Mitarbeiter, die den Bereich nicht weiterentwickeln wollen oder innerlich frustriert aufgegeben haben.

Dominante Führung auf neuem Terrain

Nicht wissen - alles bestimmenUnser Konstruktionsleiter hat Ambitionen und möchte Karriere machen. Nach 3-5 Jahren Erfahrung in der Führungsposition fühlt er sich berufen, die Leitung eines anderen Bereiches zu übernehmen. Vielleicht sogar in einem anderen Unternehmen.

Immer noch überzeugt davon, dass ein Chef alles bestimmen und entscheiden muss, wechselt er die Position. Was bei diesem Wechsel passiert: er verlässt den Bereich des allumfassenden Wissens. Er weiss wenig über den neuen Fachbereich, das Produkt oder die Arbeitsabläufe.

Gefährdung durch die Führung > Krise

Wenn wir nichts wissen über den Bereich, aber alle Entscheidungen bestimmen, gefährden wir das Unternehmen. Diese Art der Führung ist mit Abstand die gefährlichste. Neben der Demotivation der Mitarbeiter, führen die falschen Entscheidungen zu Chaos und können geradewegs in die Krise führen.

Die Zwischenphase der Selbsterkenntnis

Befinde ich mich als Führungskraft im linken unteren Quadranten (nicht wissen, alles entscheiden), dann können zwei Dinge passieren:

  1. Ich bestimme weiterhin alles und richte den Bereich zugrunde
  2. Ich erkenne meine Unwissenheit und bestimme nichts mehr

Der erste Fall ist selbsterklärend.

Nicht wissen - nicht bestimmenIm zweiten Fall, entsteht oft ein Führungsvakuum. Dieses Stadium erkennst du daran, dass du keine Unterschrift von deinem Chef bekommst. Für nichts. Die Unsicherheit der Führung ist maximal.

Die Führung weiss (hoffentlich), dass sie nichts weiss.

Das Positive an dieser Phase ist die Selbsterkenntnis, wenn sie denn kommt. Die Führung realisiert, dass es destruktiv ist, etwas zu bestimmen, von der sie keine Ahnung hat und hört damit auf.

Natürlich ist dieses Art der Führung ebenso nicht erfolgreich. Laurence J. Peter nennt diese Entwicklung das „Peter-Prinzip“. Sie beschreibt die Theorie, dass Beschäftigte dazu neigen, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen. Sein Buch (Das Peter-Prinzip oder Die Hierarchie der Unfähigen) beschreibt unter anderem auch den Fall dieses Quadranten.

Die selbstbewusste Führung weiss alles und bestimmt nicht

Alles wissen - nicht bestimmenLangfristig ist dieser Quadrant genau die Position in der sich eine effektive und erfolgreiche Führungskraft befindet. Auch wenn du als Chef alles weisst, Situationen früher erkennst und die Lösung parat hast: Widerstehe der Versuchung zu bestimmen. Gib keine Befehle, wie und was gemacht werden soll.

Die Führung zur Führungskultur

Auch wenn dir das im ersten Moment langsam vorkommt: langfristig ist das der schnellste Weg zum Erfolg. Sag jemandem was er zu machen hat und du bekommst einen Arbeiter. Wenn wir unseren Mitarbeitern zutrauen, dass sie einen guten Job machen, bekomme wir Führungspersönlichkeiten.

Widerstehe dem Lockruf des Ruhms

Natürlich fühlt es sich toll an, alles zu wissen und die Lösungen für ein Problem zu kennen. Und stell dir vor, hinterher kannst du sagen: Das war meine Idee! Das ist nicht Führung.

Führung ist Verantwortung für andere

Wer nur Chef werden möchte, um mehr Macht und Geld zu bekommen, hat Führung falsch verstanden. Es geht um den Wortsinn im Eigentlichen: andere zu führen. Wir sind als Chef verantwortlich für die Entwicklung unserer Mitarbeiter und damit des Unternehmens. Das ist unsere Aufgabe.

Zusammenfassung

L. David Marquet beschreibt in seinem Buch (Turn The Ship Around – Dreh das Steuer um – nur Englisch), wie er alle vier Phasen (Quadranten) der Führungstypen durchlaufen hat. Von der Phase alles zu wissen und alles zu bestimmen bis hin zur Erkenntnis, dass die effektivste und erfolgreichste Führung folgende ist:

Ich weiss alles – bestimme aber nichts.

Wenn ich als Führungskraft dem ersten Impuls alles zu bestimmen widerstehe, gebe ich meinen Mitarbeitern Raum für Entfaltung und Weiterentwicklung. Diese Art der Führung motiviert, fordert und fördert das Vorankommen des Unternehmens. Und sie basiert auf dem Prinzip des Vertrauens. Ich vertraue meinen Mitarbeitern, dass sie ihren Job gut machen und auch in der Lage sind, eigene Lösungen zu entwickeln. Sag nichts, wenn du nicht musst. Lass dein Team einen Weg finden. Vielleicht nicht deiner, d.h. aber nicht, dass er schlechter oder besser ist.

Die Herausforderung ist auch dann zu widerstehen, wenn Mitarbeiter mit einem Problem ankommen. Das ist der häufigste Fall, denn ich habe es nie erlebt, dass jemand zu mir ins Büro kam und sagte „Chef, alles läuft super“. Also, wie widerstehe ich meinem Impuls, die Lösung raus zu posaunen, wenn ich sie doch weiss?

Kurz durchatmen und folgende Gegenfrage stellen: was würdest du vorschlagen?