Jeder von uns hat irgendwann gelernt zu Laufen und Fahrrad zu fahren. Und was ist uns allen dabei passiert? Wir sind gestolpert und gefallen. Wir haben uns gestossen, aufgeschürft und weh getan. Nicht nur einmal. Das ist das Prinzip Lernen: wir machen Fehler. Und diese Fehler wurden gefeiert. Unsere Eltern haben uns angefeuert, motiviert wieder aufzustehen und es wieder zu probieren.

Wie wir noch als Kinder gelernt haben

Unbedarft und ohne darüber nachzudenken, hast du als Kind die wichtigsten 5 Phasen des Lernens durchlaufen:

  1. Du versuchst etwas
  2. Du fällst hin
  3. Dein Fehler wird gefeiert
  4. Du lernst etwas daraus
  5. Und du versuchst es wieder

Das ist der natürliche Prozess etwas zu lernen. Es fällt kein Meister vom Himmel. Jeder Turmspringer ist in seinem Leben zig mal mit einem Bauchplatscher auf dem Wasser angekommen anstatt nahezu tropffrei einzutauchen.

Fehler sind die Basis des Lernens

Irgendwann auf dem Weg zum Erwachsenwerden verlierst du diese Unbefangenheit beim Lernen. Und dieser Wandel hat etwas mit dem dritten Punkt zu tun.

Deine Fehler werden nicht mehr gefeiert sondern bestraft.

Du hörst auf Neues zu probieren, aus Angst Fehler zu machen oder dich zu blamieren.

Weil das in deiner Kindheit nicht so war, hast du damals unglaublich viele Dinge gelernt. Wir glauben doch auch, dass Kinder wie ein Schwamm für Wissen sind. Warum sollte sich das verlieren, wenn wir älter werden? Aber hast du schon mal Kinder beobachtet? Sie machen andauernd Fehler. Unzählige. Und hast du auch gesehen, wie wenig sie sich davon beeinflussen lassen?

Werden wir zur Angst erzogen?

Als Kind haben wir den starken Trieb lernen zu wollen. Wir wollen uns weiterentwickeln. Dieser starke Antrieb verwandelt sich ab der Schulzeit in den Wunsch perfekt zu sein, dazu zu gehören und gut auszusehen. Wir wollen uns nicht blamieren, nicht anecken und werden ängstlich Neues zu probieren.

Denn alles Neue birgt potentiell die Gefahr, dass wir Fehler machen.

Die große Angst vor Fehlern

Was ist der Grund, dass wir Angst davor haben, Fehler zu machen oder uns zu blamieren? Als Kinder war uns das doch egal. Die Ursache dieser Veränderung ist das Feedback von aussen. Spätestens mit Beginn der Schulzeit werden wir belohnt für Perfektion und bestraft für Fehler. Nicht nur von unseren Lehrern – auch von unseren Eltern und dem Umfeld.

Wie wir selbst uns sehen

Carol Dweck (Professorin an der Stanford University) hat sich mit folgender Frage beschäftigt: Wie kann es sein, dass vergleichbar talentierte Menschen sich so unterschiedlich entwickeln können? Der eine wird erfolgreich und der andere nicht. Hauptursache für Erfolg oder Misserfolg ist der jeweilige Mindset – also unsere Einstellung, unser Selbstbild (Ihr Buch Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt).

Carol Dweck unterscheidet dabei zwei Typen von Mindsets:

Fixiertes Selbstbild

Diese Menschen denken: Ich bin wie ich bin und kann, was ich kann. Sie leben mit der Angst, das zu verlieren, was sie haben und fürchten Fehler. Denn diese Fehler könnten aufdecken, dass sie nicht perfekt sind oder nicht mehr dazu gehören. Die Folge ist, dass diese Menschen keine Herausforderungen angehen oder Neues probieren. Auch wieder aus Angst, dass der Versuch die eigenen Grenzen aufzeigen könnte.

Wachstumsorientiertes Selbstbild

Menschen mit diesem Selbstbild glauben daran, dass Fähigkeiten und Talente das Resultat großer Anstrengung sind. Sie nehmen regelmäßiges Coaching in Anspruch, um sich zu verbessern. Der innere Antrieb zu wachsen ist stark und führt dazu, dass diese Menschen neue Herausforderungen suchen und angehen. Passieren Fehler, akzeptieren sie diese, lernen daraus und versuchen sich zu verbessern.

Werden wir geboren mit einem bestimmten Selbstbild?

Jein. Große Teile unseres Selbstbildes sind vorbestimmt durch unser Umfeld gemacht (Gilt auch für das Glücklichsein). Aber wir haben noch unseren freien Willen. Und wir können unser Umfeld und unser Denken zu jedem Zeitpunkt verändern.

Woher kommt diese Angst zu Versagen und Fehler zu machen? Denn genau die hält uns davon ab, Neues zu lernen. Um dies zu untersuchen, führte Carol Dweck eine Studie durch.

Die Studie und die Lehre des richtigen Lobens

Du denkst bestimmt: Es gibt doch gar kein falsches Lob, oder? Das dachte ich auch. Aber tatsächlich können wir mit dem falschen Lob, den Lernwillen von Kindern brechen. Wohingegen richtiges Lob den Lernwillen fördert.

Carol Dweck führte diese Studie durch mit fast 400 Schülern im Alter von 10-11 Jahren.

Aufgabe 1: ein leichter IQ-Test

Die Kinder wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und absolvierten den Test. Im Anschluss wurden die Gruppen auf zwei unterschiedliche Arten gelobt.

Gruppe 1 wurde gelobt für ihre Intelligenz

Dieser Gruppe wurde gesagt: toll gemacht, du bist wirklich intelligent.

Gruppe 2 wurde gelobt für ihre Anstrengung

Der zweiten Gruppe wurde gesagt: toll gemacht, du musst dich richtig angestrengt haben.

Aufgabe 2: Wahl zwischen einfach oder schwer

Die Kinder wurden vor die Wahl gestellt:

1. Wähle die anspruchsvollere Variante des Tests, der dir die Möglichkeit bietet, zu lernen und daran zu wachsen

oder

2. Wähle den leichten Test, den du sicher gut meistern wirst.

 

Die Wahl der Kinder war verblüffend.

Die Wahl der Gruppe 1 gelobt für ihre Intelligenz

Nur 33% dieser Gruppe wählten die schwerere Aufgabe.

Warum? Diese Kinder haben für sich gespeichert: ok, du denkst ich bin intelligent und talentiert. Das ist der Grund für dein Lob und darum findest du mich gut. Ich mache besser nichts, um dieses Bild zu widerlegen.

Dies führt dazu, dass diese Gruppe sich ein fixiertes Selbstbild zulegt hatte und in Zukunft auf Nummer sicher geht. Gleichzeitig verbauen sie sich aber die Möglichkeit zu lernen und zu wachsen.

Die Wahl der Gruppe 2 – gelobt für ihre Anstrengung

Ganze 92% dieser Gruppe wählten die schwerere und anspruchsvollere Aufgabe.

Diese Gruppe entwickelte sich offensichtlich zu einem wachstumsorientierten Selbstbild. Das Lob für die Anstrengung motivierte diese Gruppe dazu, sich weiter entwickeln zu wollen. Diese Kinder denken nicht daran, dass Fehler sie schlecht aussehen lassen. Ihnen ist wichtiger, zu wachsen und haben sich folglich mehrheitlich für die schwerere Aufgabe entschieden.

Die unterschiedliche Entwicklung verhärtet sich

Es wurden zwei weitere Tests durchgeführt. Mehr und mehr wurde deutlich, wie sich die zwei Gruppen in konträre Richtungen entwickeln. Die Einstellung der Kinder setzte sich fest und veränderte die Art, wie sie auf Herausforderungen reagieren.

Test 3 – die nicht lösbare Aufgabe

Die Gruppe 1 (gelobt für Intelligenz) war schnell frustriert und tendierte dazu früher aufzugeben. Wohingegen die Gruppe 2 (gelobt für die Anstrengung) härter und länger an der Aufgabe arbeitete und viel mehr Freude an dem Test hatte.

Test 4 – der leichte Test

Nach diesem künstlich erzeugten Versagen beim dritten Test kam die finale Aufgabe. Ein vierter Test mit dem gleichen Schwierigkeitsgrad wie in Test 1. Die Ergebnisse wichen stark von dem Eingangstest ab:

Die Ergebnisse der Gruppe 1 (gelobt für Intelligenz) verschlechterten sich um 20% gegenüber den Ergebnissen des ersten Tests. Die Gruppe 2 (gelobt für die Anstrengung) verbesserte sich dagegen um 30%!

Ein 50%iger Leistungsunterschied

 

Zusammenfassung

Die Studie von Carol Dweck zeigt deutlich, dass Lob ein Kind in seiner Entwicklung anspornen oder einbremsen kann. Dies gilt nicht nur für Kinder sondern ist auch wichtig in der Führung von anderen Menschen.

Wenn wir andere loben, sollten wir darauf achten, nicht einen Zustand oder Status zu loben. Also kein Lob für Intelligenz, Fähigkeiten oder Talente. Damit aktivieren wir den Schalter, dass ab sofort auf Nummer sicher gegangen wird. Der Status darf nicht beschädigt werden. Es wird wichtiger gut dazustehen, keine Risiken einzugehen oder Herausforderungen anzunehmen. Möglichkeiten zu lernen oder wachsen werden gemieden.

Lob für die Anstrengung motiviert

Was wir stattdessen loben sollten ist den Prozess. Die Anstrengung auf dem Weg zum Ergebnis. Damit aktivieren wir beim Gegenüber den Willen sich verbessern zu wollen. Immer und immer wieder und immer mehr. Wir fördern damit ein wachstumsorientiertes Denken und die Ausdauer auch bei schwierigen Herausforderungen.